Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! Psalm 33, 12

Jena, am 10.Sonntag nach Trinitatis – 16.August 2020

Liebe Gemeinde,

gute Nachricht! Gut für die, „dessen Gott der Herr ist“. Gut für die Gemeinschaft, die „er zum Erbe erwählt hat“. Aber geht es denen wirklich wohl?

Und gehören wir hier in der Kirche überhaupt dazu? Ist das für uns hier in der Kirche „Gute Nachricht, Eu angelion, Evangelium“? Schließlich ist das ein Zitat aus einem Psalm. Der wird von Juden im Morgengebet der Feiertage gebetet. Reden wir hier von dem selben Gott? In der Einheitsübersetzung lautet es gar: „Wohl der Nation, die er zum Erbe erwählt hat.“

Also um die letzte Frage zuerst zu beantworten: Ja, wir gehören zum Volk Gottes. Zumindest können wir dazu gehören. Obwohl wir keine Juden sind. Klar: Nicht in der Form, dass wir das Erbe den Juden wegnehmen und uns aneignen. Erschreckend, dumm und grausam waren die Zeiten, als die hebräische und aramäische Sprache aus den Kirchen getilgt wurde und der Gott der Schlachten besungen wurde. Erschreckend, dumm und grausam waren die Zeiten, als auch das Kreuz des Gottessohnes in den Kirchen und vielen Köpfen hinter den heidnischen Haken verschwand. Das soll nie vergessen werden.

Aber ist der Gott, der ein Volk, eine Nation im Blick hat unser Gott? Können wir bruchlos Psalmen beten? Ist es damit getan, den eifernden, rächenden, Gott, den Schlachtenbegleiter einfach nicht mehr zu erwähnen? Psalmen in Auswahl?

Wir wissen nicht, wie Gott wirklich ist. Wir wissen nicht wer oder was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir sind auf Zeugnisse angewiesen. Zeugnisse, wie sie im Alten und Neuen Testament als Niederschrift der Menschen entstanden sind. Unser Wissen bildet sich aus dem, was wir verstehen.

In einem Buch habe ich eine Darstellung gefunden, die mir geholfen hat, das für mich zu verstehen. Hans Frör entwickelt unter dem Titel „Ich will Dir von Gott erzählen wie von einem Menschen, den ich liebe“ ein Bild von der Heilsgeschichte: Gott liebt seine Schöpfung und seine Geschöpfe. Gott versucht alles, damit sich die Menschen an seiner Schöpfung freuen; er versucht alles, damit sie glücklich werden.

Aber er gibt ihnen auch Freiheit. Die Freiheit, „Nein“ zu diesem Wollen, zu dieser Liebe, zu sagen. Die Freiheit, das Böse zu wählen, ja selbst die Freiheit zu Untergang und Tod. Wir sind – als Menschheit – frei, uns in eine Klimakatastrophe zu entwickeln. Wir sind frei, uns gegenseitig zu unterdrücken und umzubringen. Das gehört zur Konstruktion des Menschen als göttliches Geschöpf.

Vermutlich wäre es für Gott ein Leichtes, sich selbst ein Marionettentheater mit uns aufzuführen. Menschen, die ihn preisen ohne Möglichkeit, etwas anderes zu sagen. Menschen, die gut zu sich und anderen sind, weil sie nichts anderes kennen. Aber keine freie Entscheidung, keine freie Liebe, die entflammt und leuchtet und wärmt und alles verändert. Gott hat sich festgelegt. Unumstößlich: Er möchte die freie Entscheidung zu ihm, zu seiner Liebe. Er will nichts erzwingen, aber alles ermöglichen.

Wie aber kann Gott geliebt werden?

Er wählt sich einzelne Menschen. Er stellt seinen Garten zur Verfügung. Alles ist da. Er rettet Noah und seine Familie. Rettung und Überleben – das müsste doch genug sein. Ein ewiger Bund. Ihr könnt leben in Frieden. Bedrohung wird nicht mehr sein. Da steht der Bogen umgekehrt. Ein Regenbogen voller Licht und Farbe. Aber es bleibt die Finsternis in der Welt. Was soll Gott tun?

Er wählt sich ein einzelnes Volk. Ihnen will er sich besonders zeigen. Er will ihr Gott sein. Sie sollen in besonderer Weise seine Liebe erfahren. So verpflichtet er sich einem Nomadenvolk in Palästina. Er gibt ihnen ein Gesetz. Mose schreibt es auf – so wird es später ausgedrückt. Ein Gesetz, dass zum Leben helfen soll und das Freiheit bewahren soll. Ja, sie feiern Gottesdienste für ihn, aber selten mit ihm. Ja, sie versuchen seine Gebote zu halten, aber oft verstehen sie die eben nicht als Hilfe zur Freiheit und zur Liebe sondern als Gesetz zur Rechtfertigung. Was soll Gott tun?

Er riskiert alles. Er kommt selbst. Er erweitert sein Volk. Er setzt eine andere Mitte. Es entscheidet das Bekenntnis zur Liebe seines Sohnes. Die Jünger, die Freunde, die Geliebten von Jesus, das ist das Volk Gottes. Keine Nation mehr – im politischen Sinn schon gar nicht – nein, über die ganze Welt spannt sich der Gedanke. Es kennt kein Geburtsrecht, keine Blutsverwandtschaft, keine Beschneidung, keine gesetzlichen Rituale. Die Bauern in Solentiname haben ebenso Zugang wie die Sklaven am Missisippi ihn hatten. Es ist wie eine große Einladung an alle, sich von einer Liebe anstecken zu lassen, die selbst den Tod überwindet.

Paulus schreibt es in einem Brief nach Rom so: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“ (Röm 8, 15-17)

Die sich einladen lassen, werden Erben. Erben des Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. Erben des Gottes, der sich Menschen erwählt. Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist…

Geht es uns gut, liebe Gemeinde, geht es uns wohl als Erwählte und Erben? Sicher nicht in den Kategorien, die gewöhnlich für ein gutes Leben benannt werden: Lieber reich und gesund, als arm und krank – wie es sarkastisch heißt.

Aber: Wer krank ist, ist immer noch im Volk Gottes. Wer arm ist, gehört immer noch dazu. Das ist der wesentliche Unterschied! Trotz Krankheit nicht ausgeschlossen zu sein aus der Gemeinschaft der Jünger, der Freunde, der Geliebten.

Ja, trotz Armut nicht ausgeschlossen werden aus der Verbindung mit den Anderen, das ist Verpflichtung und Hoffnung zugleich. Verpflichtung für uns ist es, wenn wir auf der Seite der Reichen und Gesunden geraten sind, uns mit aller Liebe, mit aller Kraft und allen Nachdruck um die zu kümmern, denen es nicht gut geht, sie zu besuchen in den Krankenhäusern, sie zu befreien aus den Gefängnissen, dafür zu sorgen, dass sie Speise und Trank haben.

Wir werden immer wieder schuldig werden an unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen. Keiner von uns kann alle Gesetze erfüllen– so sehr sie uns zur Freiheit und Liebe leiten wollen. Und trotz Schuld und Versagen wegen der Liebe Gottes nicht ausgeschlossen zu sein aus seinem Volk. Wir werden das Erbe, das Heil bekommen, für das wir bestimmt sind. Das ist die Zusage, die in Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus steckt. Das will unser Leben verändern und unser Verhältnis zu Gott bestimmen.

Und es ist nicht nur Verpflichtung, sondern in gleicher Weise unsere Hoffnung, wenn wir selbst krank oder arm sind: Es gibt Menschen, die sich um uns kümmern, wir sind nicht allein. Christen reden sich manchmal als Brüder und Schwestern an – um genau das auszudrücken.

Es ist dadurch eine Hoffnung in der Welt. Es muss nichts so bleiben wie es ist, selbst der Tod nicht.

Wir sind frei, Gott und uns und unseren Nächsten zu lieben. Wir können das Leben dadurch gewinnen. Wir sind nicht allein. Wir gehören dazu mit allen auf der ganzen Welt, die  die Einladung annehmen: Lasst Euch liebhaben und gebt diese Liebe weiter. Das ist unser Halt und unsere Kraft.

Und auf diese Weise, liebe Schwestern und Brüder, geht es uns gut. Gute Nachricht also.

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