Lesepredigt

Elfter Sonntag nach Trinitatis (23.08.2020) Lk 18,9-14

Liebe Gemeinde,

manchmal liest oder hört man in den Medien Diskussionen über den besten Platz. Wo ist der sicherste Platz im Flugzeug? Hinten oder vorn oder am Notausgang? Und wo ist der sicherste Platz im Auto? Hinten rechts, sagen die meisten. Da sitzen die wichtigen Menschen, die sich fahren lassen und da wird auch der Sitz für Kind oder Enkel festgeschnallt. Es gibt dafür Untersuchungen, Erfahrungen und Meinungen. Und nicht wenige richten sich danach und suchen den sichersten, also den besten Platz im Flugzeug oder Auto.

Wie ist das eigentlich in der Kirche? Gibt es da auch einen besten Platz? Ja, manche haben einen Stammplatz. Da saßen schon Mütter und Väter. Neunte Bank in der Mitte. Da hat schon der Großvater als Konfirmand seine Initialen in die Gesangbuchablage geritzt. Links und rechts lichten sich die Reihen. So viel wie früher kommen nicht mehr. Aber dieser Platz bleibt. Undenkbar, dass da mal ein Fremder sitzt. Und wenn? Dann wird er höflich gebeten, ein wenig weiter zu rücken. Stammplätze sind sicher. Sie sind wichtig und für die Tradition von Gemeinde bedeutsam. Aber wenn nun eine kommt, die fremd ist?

Wo ist der beste Platz in der Kirche? Manche sitzen gern unter der Kanzel, wenn sie denn noch benutzt wird. Ganz nahe beim Wort Gottes. Oder doch eher ganz nahe bei der Lektorin oder beim Herrn Pfarrer? Obwohl: Im Gemeindesaal oder wenn im Gasthaus die Stühle für den Gottesdienst aufgebaut werden, dann sind die ersten zwei Reihen immer leer. Zu nahe am Lektor oder an der Pastorin oder zu nahe am Altar will ja dann auch keiner sitzen. Klar, man hat dann niemanden vor sich, muss wissen, wann man beim Gebet aufsteht und wann man sich wieder hinsetzt. Und wenn immer eine Vertretung den Gottesdienst hält, dann hat man auch lieber ein wenig Abstand. Man weiß ja nie. Und außerdem: Das gehört sich ja nicht. Man stellt sich ja nicht so in den Mittelpunkt und so vorn dran.

Das haben wir schließlich in der Christenlehre oder im Religionsunterricht schon gelernt. Das machen nur die Pharisäer, diese scheinheilig Frommen. Und der ist ja auch in der Geschichte nicht gut weggekommen. Das haben wir gerade gehört im Predigttext. Nur nicht mit dem Guten, was man tut, prahlen. „Tu Gutes und wirf Brot ins Meer. Sieht es der Fisch nicht, sieht es der HERR.“, so mahnt uns das alte Sprichwort. Immer schön bescheiden. Immer schön den Kopf gesenkt. Das ist doch Christenhaltung, oder?

Der beste Platz in der Kirche ist in der Mitte. Vorn überlassen wir der Chefin oder dem Chef im Gottesdienst. Da bewegt sich die Lektorin oder der Pfarrer. (…Sehen Sie sich einmal um. Wo sitzen Sie und warum haben Sie sich dorthin gesetzt?…) Das scheint der sicherste Platz zu sein. Nicht zu nahe am Ort des Geschehens, aber auch nicht so weit hinten, dass man denken kann, man will nicht dazugehören. Die Mitte ist unverfänglich.

Schwieriger wird es beim Abendmahl. Da muss man aufstehen und nach vorn. Da muss man im Kreis stehen. Da kann man die Mitte nicht mehr halten. Da entsteht plötzlich Nähe. Wir haben Anteil an einem Brot, an einem Leib. Wir trinken alle aus einem Kelch. Wir sind eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft ohne vorn und hinten. Alle gehören dazu. So soll es doch sein.

Aber was ist mit diesem Zöllner aus dem Gleichnis, das wir gehört haben? Der „stand ferne“, heißt es. Nein, nein, wir müssen uns jetzt nicht hier umsehen. Aber es könnte ein Hinweis sein darauf, dass es diese Plätze bei uns im Gottesdienst wohl auch geben muss. Die Plätze außerhalb der Mitte, hinter der Säule, nahe am Ausgang, in einer Ecke. Kirche muss wohl auch Platz haben, um „fern stehen“ zu können.

Vielleicht ist da auch eine, die sich nicht auf diese Nähe einlassen will, die in Gemeinden manchmal entstehen kann, soll oder muss. Vielleicht mag das jemand nicht und hat doch Sehnsucht nach dem Wort, nach dem Klang von Liebe und Annahme? Vielleicht ist da einer, dem die Sprache nicht so vertraut ist und der doch sucht nach Wegweisung und Hoffnung? Vielleicht ist da eine, die mit den liturgischen Formen von Erbarmen und Zusage nicht so selbstverständlich vertraut ist, wie jemand der jeden Sonntag hier ist? Und doch ist da vielleicht Suchen nach Vergebung und Trost?

Diese Fragen könnte man sich im Nachsinnen über das Gleichnis auch stellen. Wo ist bei uns Platz für die, die sich nicht öffentlich, sondern von fern an die Brust schlagen. „Gott sei mir Sünder gnädig.“, so klingt es in der Ecke oder hinter der Säule, eben auch außerhalb unserer Mitte. Gibt es dafür Raum? Im Gleichnis jedenfalls kommt dieser Platz nicht schlecht weg. Im Gegenteil. Es scheint der beste Platz gewesen zu sein. Dort sitzt, oder steht, oder kniet der, der gerechtfertigt aus dem Tempel geht. Sagt Jesus.

Liebe Gemeinde,

nein, wir sollen nicht aufstehen und alle aus dem Dunkel ans Licht ziehen. Wir sollen nicht alle in die Arme schließen. Wir sollen uns nicht alle die Hand reichen und eins werden. Langsam, langsam. Wir sollen wohl erstmal sehen, wo wir sitzen und warum.

Weswegen gehen wir in den Tempel, in die Kirche? Weswegen und wofür beten wir? Und wie blicken wir auf andere? Wo zeigt sich unsere Frömmigkeit und wie stellen wir sie gegenüber anderen dar?

Der Pharisäer im Gleichnis ist im Grunde ein Beispiel für ein Leben, das in die richtige Richtung weist. Viele seiner Mitmenschen haben zu diesen Menschen aufgesehen. Sie haben versucht, gerecht zu leben und mehr zu tun, als gefordert ist. Pharisäer sind kein schlechtes Beispiel. Im Neuen Testament sind sie an vielen Stellen die wichtigsten Diskussionspartner von Jesus. Es muss also etwas dran sein an dem, was sie tun, wie sie leben. Auch, dass sie sich absondern von anderen – daher kommt ihr Name – ist wohl an sich nichts Schlechtes. Sie versuchen Abstand zu bekommen, von dem was an Schlechtem und Bösem vor sich geht um sie herum. Sie machen vieles besser als andere.

Stärken wir uns nicht auch manchmal mit dem Bewusstsein, es besser zu machen als andere? Ist das verkehrt? In Vielem machen es viele Christen aus ihrem Glauben auch besser als andere: Sie setzen sich ein für erneuerbare Energie zum Erhalt der Schöpfung. Sie geben sich nicht Verschwörungstheorien hin, sondern prüfen die Geister. Sie vermeiden Müll oder mindestens trennen sie ihn. Sie versuchen, wo es geht, Plaste mindestens zu vermeiden oder gleich mit Büchse, Glas oder Schachtel zum Einkaufen zu gehen. Kein Essen wegwerfen aus Verantwortung für Tier und Pflanze vor Gott… Sich selbst, die Kinder und die Enkel zu Respekt und Dankbarkeit anhalten… Sklavenarbeit vermeiden durch Kauf von regionalen Produkten… Da fällt uns Einiges ein. Und es sind keine Kleinigkeiten! Das macht viel Arbeit, so gegen den Trend zu handeln und zu leben. Es ist schwer, immer das Richtige zu wollen und auch zu tun!

Zu welcher Haltung verleitet uns solches Denken „Ich kann es besser.“?

Liebe Gemeinde,

wir sind mit den Fragen nicht allein. Gott sei Dank. Die vor uns lebten, die vor uns hier in den Bänken saßen auf den verschiedenen Plätzen, die wurden von ähnlichen Fragen bewegt. Wir hören den Predigttext, den Lukas aufgeschrieben hat vor Jahrhunderten noch einmal:

Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Selbstgerechtigkeit – alsoHochmut – das ist also keine Lösung. So könnte man das im Horizont dieses Textes formulieren. Hochmut ist kein Mut, sondern Erhöhung auf Kosten anderer. Es ist gut, dass der hier als Pharisäer Bezeichnete alles tut, was in seinen Kräften und in seinem Vermögen steht. Es ist gut, wenn wir tun, was wir können. Ohne Zweifel verbessert das die Welt.

Es ist wohl die Haltung, es ist der Mut, auf den das Gleichnis hinweist. Und es ist nicht einmal die Haltung um ihrer selbst willen, sondern weil daraus etwas folgt. Es ist die Verheißung, die eine Haltung hat. Dazu will uns der Text verleiten.

Der Zöllner, ein Geldeintreiber, einer, der nie ganz saubere Geschäfte macht, ist kein Vorbild für sein Verhalten in der Welt. Das ist wohl doch eher der Pharisäer. Er tut, was richtig ist. Er ist ein Beispiel dafür, was einer geben kann: Fasten und den Zehnten. Heute würde er sich vielleicht mit Respekt vor Tier und Pflanze ernähren und Geld aus seinem Gehalt für Nothilfe zur Verfügung stellen. Er folgt einem Kompass. Er will das Richtige und tut es auch. Der Zöllner hingegen ist ein Beispiel dafür, was einer bekommen kann: Rechtfertigung vor Gott. Befreiung von Schuld. Erlösung. Neuen Mut.

Kann es sein, dass neuer Mut aus Demut kommt? Demut wäre dann eine Haltung, die Verheißung hat. Der Hochmut demütigt andere. Er gesteht ihnen nicht ihre Räume zu. Er degradiert Menschen. Sie dienen dann nur noch dazu, dass man sich selbst erhöhen kann.

Die Demut erhöht andere. Hochmut kommt vor dem Fall. Demut kommt vor der Gerechtigkeit, vor der Befreiung. Demut kommt vor der Erlösung.

Demut ist eine Haltung, die Kirche, die diesem Gottesdienst angemessen ist. Sie erkennt an, dass es eine Macht gibt, die größer ist, als wir denken und verstehen können. Der Christ sucht sich einen Platz in der Kirche. Aber das was hier geschieht ist größer als er selbst. In der Länge und Breite: Hier waren vor ihm Frauen und Männer, Alte und Junge, hohen und niederen weltlichen Standes. Sie alle kamen, weil sie es ahnten oder fühlten, dass es etwas gibt, was über die Spanne ihres Lebens hinausweist. In der Tiefe und Höhe: Hier sind Symbole wie das Kreuz, die darauf hinweisen, dass dieser Raum auf weit mehr verweist als unser kleiner Platz: „hinabgestiegen in das Reich des Todes und aufgefahren in den Himmel“ – mit diesen Worten sprechen wir es aus. Wir sind mit hineingenommen in diese Weite, in die Spannung von Leben und Sterben, von Tod und Ewigem Leben.

Vielleicht ist der Hochmut männlich, weil er aus dem Willen zum Sieg, zur Macht und zur Herrschaft kommt. Vielleicht ist die Demut weiblich, weil sie aus der Liebe, aus der Geduld und aus der Weite kommt?

Liebe Gemeinde,

„Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Sich erniedrigen meint nicht, sich klein zu machen. Erniedrige Dich selbst, heißt niemals: „Nimm hin. Du bist nichts wert.“

Es heißt immer: Lass nur. Du bist nicht der Größte. Du bist nicht für alles verantwortlich. Du kannst die Welt nicht retten. Du musst nicht die Welt retten. Tu Deinen Teil. Das ist genug. Gott selbst und allein rettet die Welt. So wie viele andere an unterschiedlichen Plätzen neben uns das Beste tun, so tun wir das unsere. Diese Position demütig anzuerkennen, macht uns frei. Versprochen. Das betont Jesus in dem Gleichnis. Und wenn Gott seine Versprechen nicht hält, wer dann?

Demut bezieht sich in dem Gleichnis in erster Linie auf Gott selbst. So könnte Demut eine Haltung sein, die von dieser Kirche in die Stadt ausstrahlt und die unser persönliches und gesellschaftliches Leben verändern kann. Gott hat diese Welt in der Hand. Wir tun unseres und wissen auch, dass unsere besten Lösungen immer nur Stückwerk sind. Wir sind verwoben und verzahnt in diese Welt und kommen aus ihren Strukturen auch nicht heraus.

Das Gleichnis, das Lukas weitererzählt, mahnt uns als Christen, die Haltung der Demut nicht bei anderen zu fordern, sondern bei uns selbst zu suchen und zu üben. Es geht darum, unseren eigenen, inneren Maßstab zu finden und immer wieder anzulegen. Hier wird uns als Referenz vorgeschlagen: Die Einsicht, dass es etwas Größeres gibt, als uns selbst. Die Anerkenntnis, dass wir nicht Schöpfer sind, sondern Geschöpf. Wir sind nicht Herr der Welt. Wir sind ja oft nicht Herr über uns selbst.

Aus dieser Erkenntnis unserer Vorläufigkeit und Unvollkommenheit kann uns eine Haltung erwachsen, die anderes wichtig nimmt, als uns selbst und die Raum lässt für alle in den Ecken oder hinter den Säulen. Wichtig nehmen werden wir in der Demut gegenüber Gott nicht andere Menschen, keine Gurus, keine Priester, keine Führer; nicht bestimmte Denk- oder Verhaltensweisen; nicht bestimmte Lebensweisen, die wir meinen, erfüllen zu müssen. Wichtig nehmen sollt ihr allein Gott. Das ist Forderung und Trost zugleich. Das ist Anspruch und Trost für jeden von uns und für uns als Kirche.

Vielleicht ist das ein Schlüssel für die Herausforderungen unserer Zeit: Demütig anerkennen, dass wir Gott nötig haben. „Gott nötig zu haben, ist des Menschen größte Vollkommenheit.“, das hat der dänische Theologe Sören Kierkegaard einmal geschrieben. Ja, die Demut ist die größte menschliche Vollkommenheit. Wir können in dieser Haltung Gottes Zusage erkennen, dass das Böse, ja letztlich der Tod besiegt wird. Und dass Gott mit uns geht, auch in unseren Unvollkommenheiten. Demütig bekommen wir immer wieder neuen Mut, denke ich.

Jesus sagt uns: Dieser Demütige ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Denn wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Rechtfertigung, Erlösung und Ermutigung – das sei uns allen auf allen Plätzen gewünscht.

in Schult, Maike Hg.; Er ist unser Friede – Lesepredigten; Leipzig 2020; 92ff.

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