Monatsspruch Oktober 2020

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl.“ Jer 29,7

Wo gehöre ich hin?

Ein Glücksfall ist es, wenn ich mich da wohl fühle, wo ich gerade bin! Zu schön ist der Zustand zu wissen und/oder zu fühlen: Ja, das ist mein Platz. Mancher hat das, wenn er abends heimkommt in die vertraute, liebgewordene Umgebung. Manche hat das, wenn sie zu vertrauten, liebgewordenen Menschen heimkehrt. Ja, da bin ich richtig. Ein Glück!

Mancher hat das, wenn er abends auf seiner Terrasse sitzt und über den Garten blickt. Mancher hat das, wenn er seine Fische füttert oder mit dem Hund durch den Park geht – das ist der richtige Platz zum Wohnen und Leben. Ein Glücksfall ist dieses Gefühl.

Mancher kann es auch auf der Dienststelle erleben: Ich bin an der richtigen Stelle. Ich kann meine Gaben, meine Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen. Ich fühle mich mit Kolleginnen und Kollegen wohl. Ein Glück.

Der Monatsspruch ist aus dem genauen Gegenteil geboren: Die Juden sind deportiert worden. Das war geschichtlich vor etwa 2500 Jahren geschehen. Sie waren nicht mehr am richtigen Ort. Versetzt mit Gewalt. Ausgerissen und verpflanzt. Weggespült aus der Heimat. Die Juden traf es in ihrer Religion, in ihrem Glauben und Vertrauen besonders hart: Gott, meinten sie, wohnt doch nur im Tempel in Jerusalem. So waren sie aufgewachsen. Und nun? Da saßen sie irgendwo am Euphrat oder am Tigris. Sie verstanden weder Sprache noch Gebräuche. Mühsam versuchten sie sich zu orientieren. Und dann die vielen Fragen: Sollen wir uns hier niederlassen? In der Fremde? Sollen wir uns einlassen auf die Menschen hier? Fern unserer gewohnten und liebgewonnen Heimat? Fern von allen Orten, die uns wichtig sind? Ohne Kenntnisse und Fähigkeiten in bewährter Weise einsetzen zu können? Und letztlich: Gibt es hier Gott?

Jeremia musste als Prophet mit. Sie fragten ihn: Was sagt denn nun Gott dazu? Was sollen wir machen? – Suchet der Stadt Bestes. Das war die Antwort.

Hadert nicht mit den Umständen, in die ihr geraten seid. Ob aus eigenem Verschulden, ob aus Schicksal, ob wegen der Umstände, ob wegen der Politik – hadert nicht damit. Da seid ihr nun und nun sollt ihr damit zurecht kommen.

Einfach ist das nicht! Und es ist auch kein Zuruf, alles hinzunehmen und nicht gegen Ungerechtigkeit, Missachtung und falsche Entscheidungen zu protestieren. Das wäre nicht Gott, der so etwas will. Man kann die Wirklichkeit als feindlich gesinnt hinnehmen und hadern. Man kann sich der Realität stellen. Jeremia sagt: Verschwendet nicht Eure Energie ans Hadern. Wartet nicht jammernd auf bessere Umstände.

So verstehe ich den Jeremia als Ermutiger: Stelle Dich dem Platz, an dem Du bist. Stelle Dich der Stadt, in der Du lebst. Nicht alles kann man sich aussuchen. Versuche darauf zu vertrauen, dass Gott mit seiner Kraft überall ist, nicht nur im Tempel, in der Kirche oder in der vertrauten Sprache. Hadere nicht, sondern suche mit dem Blick der Liebe darauf zu sehen, was allen zum Besten dient. Es kommt zu Dir zurück. So hat das Glück eine Chance.

Ich wünsche einen Oktober mit der Erfahrung, dass Heimat wächst.

Monatsspruch September 2020

„Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.“ 2.Kor 5,19 (E)

Es kann heil werden.

Ich weiß ja nicht, wo Sie herkommen, wenn Sie diesen Text lesen. Gott, Christus, Welt in einem Satz – das ist vielleicht zu viel. Und die Versöhnung noch dazu. Haben Sie es nötig, sich mit Gott versöhnen zu lassen? Ich weiß es nicht.

Haben Sie überhaupt etwas nötig? Ok: Haus, Pool, Auto…  – da wissen Sie, wie kurzlebig und nicht belastbar solche Wünsche und solche Güter sind.  Aber wie ist das mit Anerkennung für die vielen Überstunden oder auch nur für die normal geleistete Arbeit? Wie ist das mit einem Menschen, der uns darüber hinaus noch versteht? Ein Mensch, der zuhört, der tröstet, der widerspricht, der vielleicht auch einmal zurechtweist (das ist ja im Wortsinn nicht schlecht)? Haben wir nicht mindestens einen Menschen nötig?

Ja, für solch einen Menschen bäckt man einen Kuchen, bringt Blumen mit, organisiert trauliche Stunden und gemeinsame Freizeit. Bei allem Guten, bei aller Liebe – es bleibt nicht aus, dass man sich verletzt. Man wird gegenseitigen Erwartungen nicht gerecht. Man versucht, die andere zu dem Bild zu formen, das man von ihr hat. Es gibt Nachlässigkeit, Unachtsamkeit, Verletzung. Wir brauchen Versöhnung (oder auch Vertöchterung), wir brauchen immer wieder Heilung, eine Wiederherstellung der familiären Beziehung. Das muss wieder klar werden: Mann und Frau, Mutter und Sohn, Vater und Tochter. Die Beziehung muss wieder stimmen.

Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Die Verletzungen sind vielleicht zu schwer, die Verhältnisse sind nicht überschaubar. In diesen Horizont hinein, setzt der Monatsspruch eine Konstruktion, die eben die Voraussetzung ist: Gott versöhnt die Welt mit sich – Mann und Frau, Mutter und Tochter und Vater und Sohn und den ganzen unüberschaubaren Zusammenhang.

Ohne das Denken von Gott und Christus, von Welt und von dem Heil, dass wir nötig haben, nützt einem das Reden über so das ganze Christentum nichts. Das ist nett, exotisch und fern. So ist es nun einmal. Für eine Beziehung sind immer Voraussetzungen notwendig. Eine davon ist Vertrauen: Ich vertraue Dir, dass Du da bist und dass du es gut meinst mit mir. Das ist die Voraussetzung in einer Beziehung. Und in anderer Beziehung und auf anderen Feldern ist das die Voraussetzung für ein Verhältnis zur Führung einer Organisation und für ein gedeihliches Wirken miteinander. Das gilt für Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr oder Kirche gleichermaßen.

Für mich ist es eine Lebenshilfe, dass ich darauf vertrauen kann, dass jenseits aller Menschen immer noch eine Instanz da ist, die es gut mit mir meint. In allen und in jeder Beziehung. Und nicht nur als abstrakte Idee, als Gedanke, sondern erfahrbar als Mensch wie Sie und ich. In Christus ist die Versöhnung wiederhergestellt, ist die Beziehung zum Grund der Welt, zur Mitte des Seins wieder in Ordnung gekommen. Ein für alle Mal und immer wieder neu erfahrbar. Ich kann mich darauf verlassen. Alles wird wieder heil.

Einfach zu verstehen ist das nicht. Aber so ist es ja in jeder Beziehung.

Ich wünsche einen September mit der Erfahrung, dass etwas heil werden kann.

Lesepredigt

Elfter Sonntag nach Trinitatis (23.08.2020) Lk 18,9-14

Liebe Gemeinde,

manchmal liest oder hört man in den Medien Diskussionen über den besten Platz. Wo ist der sicherste Platz im Flugzeug? Hinten oder vorn oder am Notausgang? Und wo ist der sicherste Platz im Auto? Hinten rechts, sagen die meisten. Da sitzen die wichtigen Menschen, die sich fahren lassen und da wird auch der Sitz für Kind oder Enkel festgeschnallt. Es gibt dafür Untersuchungen, Erfahrungen und Meinungen. Und nicht wenige richten sich danach und suchen den sichersten, also den besten Platz im Flugzeug oder Auto.

Wie ist das eigentlich in der Kirche? Gibt es da auch einen besten Platz? Ja, manche haben einen Stammplatz. Da saßen schon Mütter und Väter. Neunte Bank in der Mitte. Da hat schon der Großvater als Konfirmand seine Initialen in die Gesangbuchablage geritzt. Links und rechts lichten sich die Reihen. So viel wie früher kommen nicht mehr. Aber dieser Platz bleibt. Undenkbar, dass da mal ein Fremder sitzt. Und wenn? Dann wird er höflich gebeten, ein wenig weiter zu rücken. Stammplätze sind sicher. Sie sind wichtig und für die Tradition von Gemeinde bedeutsam. Aber wenn nun eine kommt, die fremd ist?

Wo ist der beste Platz in der Kirche? Manche sitzen gern unter der Kanzel, wenn sie denn noch benutzt wird. Ganz nahe beim Wort Gottes. Oder doch eher ganz nahe bei der Lektorin oder beim Herrn Pfarrer? Obwohl: Im Gemeindesaal oder wenn im Gasthaus die Stühle für den Gottesdienst aufgebaut werden, dann sind die ersten zwei Reihen immer leer. Zu nahe am Lektor oder an der Pastorin oder zu nahe am Altar will ja dann auch keiner sitzen. Klar, man hat dann niemanden vor sich, muss wissen, wann man beim Gebet aufsteht und wann man sich wieder hinsetzt. Und wenn immer eine Vertretung den Gottesdienst hält, dann hat man auch lieber ein wenig Abstand. Man weiß ja nie. Und außerdem: Das gehört sich ja nicht. Man stellt sich ja nicht so in den Mittelpunkt und so vorn dran.

Das haben wir schließlich in der Christenlehre oder im Religionsunterricht schon gelernt. Das machen nur die Pharisäer, diese scheinheilig Frommen. Und der ist ja auch in der Geschichte nicht gut weggekommen. Das haben wir gerade gehört im Predigttext. Nur nicht mit dem Guten, was man tut, prahlen. „Tu Gutes und wirf Brot ins Meer. Sieht es der Fisch nicht, sieht es der HERR.“, so mahnt uns das alte Sprichwort. Immer schön bescheiden. Immer schön den Kopf gesenkt. Das ist doch Christenhaltung, oder?

Der beste Platz in der Kirche ist in der Mitte. Vorn überlassen wir der Chefin oder dem Chef im Gottesdienst. Da bewegt sich die Lektorin oder der Pfarrer. (…Sehen Sie sich einmal um. Wo sitzen Sie und warum haben Sie sich dorthin gesetzt?…) Das scheint der sicherste Platz zu sein. Nicht zu nahe am Ort des Geschehens, aber auch nicht so weit hinten, dass man denken kann, man will nicht dazugehören. Die Mitte ist unverfänglich.

Schwieriger wird es beim Abendmahl. Da muss man aufstehen und nach vorn. Da muss man im Kreis stehen. Da kann man die Mitte nicht mehr halten. Da entsteht plötzlich Nähe. Wir haben Anteil an einem Brot, an einem Leib. Wir trinken alle aus einem Kelch. Wir sind eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft ohne vorn und hinten. Alle gehören dazu. So soll es doch sein.

Aber was ist mit diesem Zöllner aus dem Gleichnis, das wir gehört haben? Der „stand ferne“, heißt es. Nein, nein, wir müssen uns jetzt nicht hier umsehen. Aber es könnte ein Hinweis sein darauf, dass es diese Plätze bei uns im Gottesdienst wohl auch geben muss. Die Plätze außerhalb der Mitte, hinter der Säule, nahe am Ausgang, in einer Ecke. Kirche muss wohl auch Platz haben, um „fern stehen“ zu können.

Vielleicht ist da auch eine, die sich nicht auf diese Nähe einlassen will, die in Gemeinden manchmal entstehen kann, soll oder muss. Vielleicht mag das jemand nicht und hat doch Sehnsucht nach dem Wort, nach dem Klang von Liebe und Annahme? Vielleicht ist da einer, dem die Sprache nicht so vertraut ist und der doch sucht nach Wegweisung und Hoffnung? Vielleicht ist da eine, die mit den liturgischen Formen von Erbarmen und Zusage nicht so selbstverständlich vertraut ist, wie jemand der jeden Sonntag hier ist? Und doch ist da vielleicht Suchen nach Vergebung und Trost?

Diese Fragen könnte man sich im Nachsinnen über das Gleichnis auch stellen. Wo ist bei uns Platz für die, die sich nicht öffentlich, sondern von fern an die Brust schlagen. „Gott sei mir Sünder gnädig.“, so klingt es in der Ecke oder hinter der Säule, eben auch außerhalb unserer Mitte. Gibt es dafür Raum? Im Gleichnis jedenfalls kommt dieser Platz nicht schlecht weg. Im Gegenteil. Es scheint der beste Platz gewesen zu sein. Dort sitzt, oder steht, oder kniet der, der gerechtfertigt aus dem Tempel geht. Sagt Jesus.

Liebe Gemeinde,

nein, wir sollen nicht aufstehen und alle aus dem Dunkel ans Licht ziehen. Wir sollen nicht alle in die Arme schließen. Wir sollen uns nicht alle die Hand reichen und eins werden. Langsam, langsam. Wir sollen wohl erstmal sehen, wo wir sitzen und warum.

Weswegen gehen wir in den Tempel, in die Kirche? Weswegen und wofür beten wir? Und wie blicken wir auf andere? Wo zeigt sich unsere Frömmigkeit und wie stellen wir sie gegenüber anderen dar?

Der Pharisäer im Gleichnis ist im Grunde ein Beispiel für ein Leben, das in die richtige Richtung weist. Viele seiner Mitmenschen haben zu diesen Menschen aufgesehen. Sie haben versucht, gerecht zu leben und mehr zu tun, als gefordert ist. Pharisäer sind kein schlechtes Beispiel. Im Neuen Testament sind sie an vielen Stellen die wichtigsten Diskussionspartner von Jesus. Es muss also etwas dran sein an dem, was sie tun, wie sie leben. Auch, dass sie sich absondern von anderen – daher kommt ihr Name – ist wohl an sich nichts Schlechtes. Sie versuchen Abstand zu bekommen, von dem was an Schlechtem und Bösem vor sich geht um sie herum. Sie machen vieles besser als andere.

Stärken wir uns nicht auch manchmal mit dem Bewusstsein, es besser zu machen als andere? Ist das verkehrt? In Vielem machen es viele Christen aus ihrem Glauben auch besser als andere: Sie setzen sich ein für erneuerbare Energie zum Erhalt der Schöpfung. Sie geben sich nicht Verschwörungstheorien hin, sondern prüfen die Geister. Sie vermeiden Müll oder mindestens trennen sie ihn. Sie versuchen, wo es geht, Plaste mindestens zu vermeiden oder gleich mit Büchse, Glas oder Schachtel zum Einkaufen zu gehen. Kein Essen wegwerfen aus Verantwortung für Tier und Pflanze vor Gott… Sich selbst, die Kinder und die Enkel zu Respekt und Dankbarkeit anhalten… Sklavenarbeit vermeiden durch Kauf von regionalen Produkten… Da fällt uns Einiges ein. Und es sind keine Kleinigkeiten! Das macht viel Arbeit, so gegen den Trend zu handeln und zu leben. Es ist schwer, immer das Richtige zu wollen und auch zu tun!

Zu welcher Haltung verleitet uns solches Denken „Ich kann es besser.“?

Liebe Gemeinde,

wir sind mit den Fragen nicht allein. Gott sei Dank. Die vor uns lebten, die vor uns hier in den Bänken saßen auf den verschiedenen Plätzen, die wurden von ähnlichen Fragen bewegt. Wir hören den Predigttext, den Lukas aufgeschrieben hat vor Jahrhunderten noch einmal:

Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.

Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Selbstgerechtigkeit – alsoHochmut – das ist also keine Lösung. So könnte man das im Horizont dieses Textes formulieren. Hochmut ist kein Mut, sondern Erhöhung auf Kosten anderer. Es ist gut, dass der hier als Pharisäer Bezeichnete alles tut, was in seinen Kräften und in seinem Vermögen steht. Es ist gut, wenn wir tun, was wir können. Ohne Zweifel verbessert das die Welt.

Es ist wohl die Haltung, es ist der Mut, auf den das Gleichnis hinweist. Und es ist nicht einmal die Haltung um ihrer selbst willen, sondern weil daraus etwas folgt. Es ist die Verheißung, die eine Haltung hat. Dazu will uns der Text verleiten.

Der Zöllner, ein Geldeintreiber, einer, der nie ganz saubere Geschäfte macht, ist kein Vorbild für sein Verhalten in der Welt. Das ist wohl doch eher der Pharisäer. Er tut, was richtig ist. Er ist ein Beispiel dafür, was einer geben kann: Fasten und den Zehnten. Heute würde er sich vielleicht mit Respekt vor Tier und Pflanze ernähren und Geld aus seinem Gehalt für Nothilfe zur Verfügung stellen. Er folgt einem Kompass. Er will das Richtige und tut es auch. Der Zöllner hingegen ist ein Beispiel dafür, was einer bekommen kann: Rechtfertigung vor Gott. Befreiung von Schuld. Erlösung. Neuen Mut.

Kann es sein, dass neuer Mut aus Demut kommt? Demut wäre dann eine Haltung, die Verheißung hat. Der Hochmut demütigt andere. Er gesteht ihnen nicht ihre Räume zu. Er degradiert Menschen. Sie dienen dann nur noch dazu, dass man sich selbst erhöhen kann.

Die Demut erhöht andere. Hochmut kommt vor dem Fall. Demut kommt vor der Gerechtigkeit, vor der Befreiung. Demut kommt vor der Erlösung.

Demut ist eine Haltung, die Kirche, die diesem Gottesdienst angemessen ist. Sie erkennt an, dass es eine Macht gibt, die größer ist, als wir denken und verstehen können. Der Christ sucht sich einen Platz in der Kirche. Aber das was hier geschieht ist größer als er selbst. In der Länge und Breite: Hier waren vor ihm Frauen und Männer, Alte und Junge, hohen und niederen weltlichen Standes. Sie alle kamen, weil sie es ahnten oder fühlten, dass es etwas gibt, was über die Spanne ihres Lebens hinausweist. In der Tiefe und Höhe: Hier sind Symbole wie das Kreuz, die darauf hinweisen, dass dieser Raum auf weit mehr verweist als unser kleiner Platz: „hinabgestiegen in das Reich des Todes und aufgefahren in den Himmel“ – mit diesen Worten sprechen wir es aus. Wir sind mit hineingenommen in diese Weite, in die Spannung von Leben und Sterben, von Tod und Ewigem Leben.

Vielleicht ist der Hochmut männlich, weil er aus dem Willen zum Sieg, zur Macht und zur Herrschaft kommt. Vielleicht ist die Demut weiblich, weil sie aus der Liebe, aus der Geduld und aus der Weite kommt?

Liebe Gemeinde,

„Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Sich erniedrigen meint nicht, sich klein zu machen. Erniedrige Dich selbst, heißt niemals: „Nimm hin. Du bist nichts wert.“

Es heißt immer: Lass nur. Du bist nicht der Größte. Du bist nicht für alles verantwortlich. Du kannst die Welt nicht retten. Du musst nicht die Welt retten. Tu Deinen Teil. Das ist genug. Gott selbst und allein rettet die Welt. So wie viele andere an unterschiedlichen Plätzen neben uns das Beste tun, so tun wir das unsere. Diese Position demütig anzuerkennen, macht uns frei. Versprochen. Das betont Jesus in dem Gleichnis. Und wenn Gott seine Versprechen nicht hält, wer dann?

Demut bezieht sich in dem Gleichnis in erster Linie auf Gott selbst. So könnte Demut eine Haltung sein, die von dieser Kirche in die Stadt ausstrahlt und die unser persönliches und gesellschaftliches Leben verändern kann. Gott hat diese Welt in der Hand. Wir tun unseres und wissen auch, dass unsere besten Lösungen immer nur Stückwerk sind. Wir sind verwoben und verzahnt in diese Welt und kommen aus ihren Strukturen auch nicht heraus.

Das Gleichnis, das Lukas weitererzählt, mahnt uns als Christen, die Haltung der Demut nicht bei anderen zu fordern, sondern bei uns selbst zu suchen und zu üben. Es geht darum, unseren eigenen, inneren Maßstab zu finden und immer wieder anzulegen. Hier wird uns als Referenz vorgeschlagen: Die Einsicht, dass es etwas Größeres gibt, als uns selbst. Die Anerkenntnis, dass wir nicht Schöpfer sind, sondern Geschöpf. Wir sind nicht Herr der Welt. Wir sind ja oft nicht Herr über uns selbst.

Aus dieser Erkenntnis unserer Vorläufigkeit und Unvollkommenheit kann uns eine Haltung erwachsen, die anderes wichtig nimmt, als uns selbst und die Raum lässt für alle in den Ecken oder hinter den Säulen. Wichtig nehmen werden wir in der Demut gegenüber Gott nicht andere Menschen, keine Gurus, keine Priester, keine Führer; nicht bestimmte Denk- oder Verhaltensweisen; nicht bestimmte Lebensweisen, die wir meinen, erfüllen zu müssen. Wichtig nehmen sollt ihr allein Gott. Das ist Forderung und Trost zugleich. Das ist Anspruch und Trost für jeden von uns und für uns als Kirche.

Vielleicht ist das ein Schlüssel für die Herausforderungen unserer Zeit: Demütig anerkennen, dass wir Gott nötig haben. „Gott nötig zu haben, ist des Menschen größte Vollkommenheit.“, das hat der dänische Theologe Sören Kierkegaard einmal geschrieben. Ja, die Demut ist die größte menschliche Vollkommenheit. Wir können in dieser Haltung Gottes Zusage erkennen, dass das Böse, ja letztlich der Tod besiegt wird. Und dass Gott mit uns geht, auch in unseren Unvollkommenheiten. Demütig bekommen wir immer wieder neuen Mut, denke ich.

Jesus sagt uns: Dieser Demütige ging gerechtfertigt hinab in sein Haus. Denn wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Rechtfertigung, Erlösung und Ermutigung – das sei uns allen auf allen Plätzen gewünscht.

in Schult, Maike Hg.; Er ist unser Friede – Lesepredigten; Leipzig 2020; 92ff.

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! Psalm 33, 12

Jena, am 10.Sonntag nach Trinitatis – 16.August 2020

Liebe Gemeinde,

gute Nachricht! Gut für die, „dessen Gott der Herr ist“. Gut für die Gemeinschaft, die „er zum Erbe erwählt hat“. Aber geht es denen wirklich wohl?

Und gehören wir hier in der Kirche überhaupt dazu? Ist das für uns hier in der Kirche „Gute Nachricht, Eu angelion, Evangelium“? Schließlich ist das ein Zitat aus einem Psalm. Der wird von Juden im Morgengebet der Feiertage gebetet. Reden wir hier von dem selben Gott? In der Einheitsübersetzung lautet es gar: „Wohl der Nation, die er zum Erbe erwählt hat.“

Also um die letzte Frage zuerst zu beantworten: Ja, wir gehören zum Volk Gottes. Zumindest können wir dazu gehören. Obwohl wir keine Juden sind. Klar: Nicht in der Form, dass wir das Erbe den Juden wegnehmen und uns aneignen. Erschreckend, dumm und grausam waren die Zeiten, als die hebräische und aramäische Sprache aus den Kirchen getilgt wurde und der Gott der Schlachten besungen wurde. Erschreckend, dumm und grausam waren die Zeiten, als auch das Kreuz des Gottessohnes in den Kirchen und vielen Köpfen hinter den heidnischen Haken verschwand. Das soll nie vergessen werden.

Aber ist der Gott, der ein Volk, eine Nation im Blick hat unser Gott? Können wir bruchlos Psalmen beten? Ist es damit getan, den eifernden, rächenden, Gott, den Schlachtenbegleiter einfach nicht mehr zu erwähnen? Psalmen in Auswahl?

Wir wissen nicht, wie Gott wirklich ist. Wir wissen nicht wer oder was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir sind auf Zeugnisse angewiesen. Zeugnisse, wie sie im Alten und Neuen Testament als Niederschrift der Menschen entstanden sind. Unser Wissen bildet sich aus dem, was wir verstehen.

In einem Buch habe ich eine Darstellung gefunden, die mir geholfen hat, das für mich zu verstehen. Hans Frör entwickelt unter dem Titel „Ich will Dir von Gott erzählen wie von einem Menschen, den ich liebe“ ein Bild von der Heilsgeschichte: Gott liebt seine Schöpfung und seine Geschöpfe. Gott versucht alles, damit sich die Menschen an seiner Schöpfung freuen; er versucht alles, damit sie glücklich werden.

Aber er gibt ihnen auch Freiheit. Die Freiheit, „Nein“ zu diesem Wollen, zu dieser Liebe, zu sagen. Die Freiheit, das Böse zu wählen, ja selbst die Freiheit zu Untergang und Tod. Wir sind – als Menschheit – frei, uns in eine Klimakatastrophe zu entwickeln. Wir sind frei, uns gegenseitig zu unterdrücken und umzubringen. Das gehört zur Konstruktion des Menschen als göttliches Geschöpf.

Vermutlich wäre es für Gott ein Leichtes, sich selbst ein Marionettentheater mit uns aufzuführen. Menschen, die ihn preisen ohne Möglichkeit, etwas anderes zu sagen. Menschen, die gut zu sich und anderen sind, weil sie nichts anderes kennen. Aber keine freie Entscheidung, keine freie Liebe, die entflammt und leuchtet und wärmt und alles verändert. Gott hat sich festgelegt. Unumstößlich: Er möchte die freie Entscheidung zu ihm, zu seiner Liebe. Er will nichts erzwingen, aber alles ermöglichen.

Wie aber kann Gott geliebt werden?

Er wählt sich einzelne Menschen. Er stellt seinen Garten zur Verfügung. Alles ist da. Er rettet Noah und seine Familie. Rettung und Überleben – das müsste doch genug sein. Ein ewiger Bund. Ihr könnt leben in Frieden. Bedrohung wird nicht mehr sein. Da steht der Bogen umgekehrt. Ein Regenbogen voller Licht und Farbe. Aber es bleibt die Finsternis in der Welt. Was soll Gott tun?

Er wählt sich ein einzelnes Volk. Ihnen will er sich besonders zeigen. Er will ihr Gott sein. Sie sollen in besonderer Weise seine Liebe erfahren. So verpflichtet er sich einem Nomadenvolk in Palästina. Er gibt ihnen ein Gesetz. Mose schreibt es auf – so wird es später ausgedrückt. Ein Gesetz, dass zum Leben helfen soll und das Freiheit bewahren soll. Ja, sie feiern Gottesdienste für ihn, aber selten mit ihm. Ja, sie versuchen seine Gebote zu halten, aber oft verstehen sie die eben nicht als Hilfe zur Freiheit und zur Liebe sondern als Gesetz zur Rechtfertigung. Was soll Gott tun?

Er riskiert alles. Er kommt selbst. Er erweitert sein Volk. Er setzt eine andere Mitte. Es entscheidet das Bekenntnis zur Liebe seines Sohnes. Die Jünger, die Freunde, die Geliebten von Jesus, das ist das Volk Gottes. Keine Nation mehr – im politischen Sinn schon gar nicht – nein, über die ganze Welt spannt sich der Gedanke. Es kennt kein Geburtsrecht, keine Blutsverwandtschaft, keine Beschneidung, keine gesetzlichen Rituale. Die Bauern in Solentiname haben ebenso Zugang wie die Sklaven am Missisippi ihn hatten. Es ist wie eine große Einladung an alle, sich von einer Liebe anstecken zu lassen, die selbst den Tod überwindet.

Paulus schreibt es in einem Brief nach Rom so: „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“ (Röm 8, 15-17)

Die sich einladen lassen, werden Erben. Erben des Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat. Erben des Gottes, der sich Menschen erwählt. Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist…

Geht es uns gut, liebe Gemeinde, geht es uns wohl als Erwählte und Erben? Sicher nicht in den Kategorien, die gewöhnlich für ein gutes Leben benannt werden: Lieber reich und gesund, als arm und krank – wie es sarkastisch heißt.

Aber: Wer krank ist, ist immer noch im Volk Gottes. Wer arm ist, gehört immer noch dazu. Das ist der wesentliche Unterschied! Trotz Krankheit nicht ausgeschlossen zu sein aus der Gemeinschaft der Jünger, der Freunde, der Geliebten.

Ja, trotz Armut nicht ausgeschlossen werden aus der Verbindung mit den Anderen, das ist Verpflichtung und Hoffnung zugleich. Verpflichtung für uns ist es, wenn wir auf der Seite der Reichen und Gesunden geraten sind, uns mit aller Liebe, mit aller Kraft und allen Nachdruck um die zu kümmern, denen es nicht gut geht, sie zu besuchen in den Krankenhäusern, sie zu befreien aus den Gefängnissen, dafür zu sorgen, dass sie Speise und Trank haben.

Wir werden immer wieder schuldig werden an unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen. Keiner von uns kann alle Gesetze erfüllen– so sehr sie uns zur Freiheit und Liebe leiten wollen. Und trotz Schuld und Versagen wegen der Liebe Gottes nicht ausgeschlossen zu sein aus seinem Volk. Wir werden das Erbe, das Heil bekommen, für das wir bestimmt sind. Das ist die Zusage, die in Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus steckt. Das will unser Leben verändern und unser Verhältnis zu Gott bestimmen.

Und es ist nicht nur Verpflichtung, sondern in gleicher Weise unsere Hoffnung, wenn wir selbst krank oder arm sind: Es gibt Menschen, die sich um uns kümmern, wir sind nicht allein. Christen reden sich manchmal als Brüder und Schwestern an – um genau das auszudrücken.

Es ist dadurch eine Hoffnung in der Welt. Es muss nichts so bleiben wie es ist, selbst der Tod nicht.

Wir sind frei, Gott und uns und unseren Nächsten zu lieben. Wir können das Leben dadurch gewinnen. Wir sind nicht allein. Wir gehören dazu mit allen auf der ganzen Welt, die  die Einladung annehmen: Lasst Euch liebhaben und gebt diese Liebe weiter. Das ist unser Halt und unsere Kraft.

Und auf diese Weise, liebe Schwestern und Brüder, geht es uns gut. Gute Nachricht also.

Monatsspruch August 2020

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ Ps 139,14

Ist das ein Wunder?

„Das ist ja wunderbar.“ Wann haben Sie das zuletzt gesagt? Was haben Sie zuletzt als wunderbar bezeichnet – also als „überaus schön, gut und deshalb Bewunderung, Entzücken o. Ä. hervorrufend“, wie es der Duden erklärend formuliert? Haben Sie es zu einem anderen Menschen gesagt? Haben Sie es zu sich selbst gesagt: Ich bin wunderbar?

Ja, es klingt eigenartig. Man spricht nicht so von sich selbst. Nach außen ist man bescheidener. Aber ist der Mensch etwas, worüber man in aller Bescheidenheit und Selbstverständlichkeit reden kann? Oder ist er nicht ein Wunder – also ein Geschehen, ein Ereignis, das aller Erfahrung widerspricht, ein Ereignis, das Staunen erregt? Wiederum der Duden. Sind Sie selbst ein Wunder?

Manchmal kommt man ins Nachdenken darüber. Wer bin ich denn eigentlich, fragt sich heute mancher Polizist. Warum werde ich angegriffen? Wo ist der Respekt hin? Wieso denken andere so über mich? Das ist die Außenperspektive. Da kann man sich verteidigen. Da kann man aufmerksam sein gegenüber Argumenten. Da kann man sich ändern. Man kann in der Organisation etwas bewegen. Da kann man sich einsetzen für bessere Fortbildung, Ausbildung und für Achtsamkeit. Das ist richtig und wichtig.

Man kann auch versuchen, sich mit seinen grundlegenden Werten auseinanderzusetzen. Das ist die Innenperspektive. Wer bin ich eigentlich? Wer bin ich in meinem ureigensten Kern, eben eigen-tlich? Könnte nicht auch ein Polizist ein Wunder sein?

Wer nach innen sieht, sieht sich selbst und das was ihn ausmacht. Ja, das Dunkle und Mühsame, das Abschreckende und Schwere, die einengenden Urteile und die eingeschränkten Fähigkeiten der Erkenntnis, die gehören auch zu uns. Aber wenn man da im Denken und Suchen nicht stehen bleibt, dann, ja dann ist es wohl ein Wunder: Der Mensch ist wunderbar gemacht! Der Mensch ist etwas, das überaus schön und gut gemacht ist. Jeder von uns ist ein Ereignis, das Staunen hervorruft.

Man kann viel Schlechtes über Menschen und Polizisten verbreiten. Man hat oft Grund dafür und Recht damit. Es nützt uns nur nichts. Das Gute muss hervor. Was uns wirklich hilft, ist nicht ein andauernder Dialog über unsere Mängel. Es ist das Gespräch über das, was unsere Werte sind. Wer sind wir eigentlich? Und da empfiehlt sich immer erst der Blick nach innen. Es erwartet uns am Grunde eine ermutigende Erkenntnis: Ich bin wunderbar gemacht. Ich bin ein Wunder.

Wer für sich selbst eine solche Erkenntnis gewonnen hat, gewinnt einen anderen Blick auf die anderen Menschen. Nein, nicht rosarot. Manches schmerzt einen umso mehr, weil es eben anders sein könnte. Wer Menschen als gut denken kann, nimmt das Böse nicht mehr selbstverständlich und als gegeben hin.

Die Chance ist: Wer sich selbst als Wunderwerk verstehen kann, wird verständnisvoller, sicherer und freier gegenüber sich und anderen. Das tut der Polizei gut und allen, die mit ihr zu tun haben.

Einen August mit stärkenden Erkenntnissen wünsche ich!

Monatsspruch Juli 2020

Der Engel des Herrn rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 1.Kön 19.7

Keine guten Ratschläge.

Das ist eine lange Geschichte: Elia hat sich eingesetzt. Elia hat sich aufgeopfert. Elia wollte alles ganz genau und ganz richtig machen. Wenn es sein muss mit Gewalt. Nun ist das dicke Ende da. Elia zweifelt: War das wirklich alles gut und richtig? Was habe ich angerichtet? Wer bin ich eigentlich, dass ich mich so über andere erhebe? Elia verzweifelt: Das ist nicht wieder gut zu machen. Vor den Folgen meines Tuns habe ich solche Angst. Sterben – das wäre ein Ausweg.

Das ist eine alltägliche Geschichte. In verschiedenen Ausprägungen geschieht sie bei vielen: niedergeschlagen, ausgebrannt, zweifelnd, hoffnungsarm. Als Ausweg locken Frieden und Harmonie: Ich ziehe mich ins Private zurück. Ich mache nur noch das Notwendigste. Ich verdiene hier mein Geld. Die machen sowieso, was sie wollen. Ich kümmere mich um mich. Ich will meine Ruhe.

Keine guten Ratschläge. Das zumindest ist eine Botschaft, die man in der Geschichte vom Elia lesen kann (Quelle: Bibel, Erstes Buch der Könige. Steht im Alten Testament). Keine klugen Tipps. Nicht von oben herab. Nicht aus dem Himmel. Keine Vertröstung. Nicht auf morgen oder auf die Zeit, die die Wunden heilt. Nicht auf ein besseres Jenseits.

Stattdessen: Da kommt einer, rüttelt an der Schulter, zeigt und sagt: Hier ist was du zur Stärkung brauchst. Los. Iss. Du bist nötig. Du hast noch etwas zu tun. Du bist etwas wert. Und so, wie du bist. Nicht ohne deine Verzweiflung, nicht ohne deine Angst, nicht ohne deine Leere. Vielleicht gerade wegen dieser und mit diesen Erfahrungen?

Für mich ist das ein großer Trost: Das Ende, das ich für mich sehe, muss nicht das Ende mit mir sein. Die Verzweiflung, die Hoffnungsarmut, die Angst vor einer ungewissen Zukunft müssen nicht bestimmend sein. Ich kann finden, was ich brauche. Für den Augenblick. Damit es weitergeht.

Und: Ich kann anderen zum Engel werden. Ich kann die Not ernstnehmen und suchen und bringen, was für den anderen, die andere not-wendig und stärkend ist. Ich kann zeigen und sagen: Steh auf und iss. Du hast eine Zukunft.

Engel müssen nicht Männer mit Flügeln sein.

Einen Juli mit ermutigenden Erfahrungen wünsche ich!